Tag 24 – 25 auf der Insel

Die Nacht auf der fremden Insel war kalt und kurz. Noch bevor die Sonne am Horizont erschien war ich wieder auf den Beinen. Es war der 24. Tag nach meinem Absturz und ich mußte langsam aber sicher erkennen, dass ich mich hier nicht wie in einer Großstadt orientieren konnte. Es gab auf dem Meer einfach keine Orientierungspunkte nach denen man sich zuverlässig richten hätte können, besonders wenn die Sichtweite, wie am gestrigen Tag im Nebel, nur wenige Meter betrug. Wichtig war nun, dass ich meine derzeitige Position bestimmen und so die Richtung zurück zu meiner Heimatinsel festlegen konnte. „Heimatinsel“, nun bezeichnete ich diesen winzigen Fleck im Pazifischen Ozean schon als Heimat. Verückt wie schnell man sich an einen eigentlich fremden Ort binden konnte.

Mit dem erscheinen der ersten Sonnenstrahlen war ich in der Lage die Himmelsrichtungen zu bestimmen. Wer hätte gedacht, dass für mich der Kinderreim „Im Osten geht die Sonne auf, nach Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen will sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn.“ einmal überlebensichtig werden würde. Ich markierte am Strand der Insel die Nordrichtung mit einem Pfeil aus Holzstangen. Danach begann ich meine Route von gestern zu rekonstruieren. Von meiner Heimatinsel aus hatte ich die Reise in Richtung Norden begonnen. Auf der Insel hier war ich mit der Rettungsinsel am östlichen Strandufer in der Nacht angelandet. Somit mußte sich meine Heimatinsel irgendwo in südwestlicher Richtung befinden, maximal eine halbe Tagesreise von hier entfernt. Am Strand stellte ich meine Reiseroute mit Holzstangen und Kokosnüssen nach, um so einen besseren Überblick zu erhalten.

Wenn ich mich nicht gänzlich geirrt hatte, so sollte ich den Weg zurück in meine kleine Zivilisation richtig ermittelt haben, so hoffte ich wenigstens. Ich sammelte noch einige Kokosnüsse für die Überfahrt zusammen und begab mich an den Strand, an dem sich meine Rettungsinsel befand. In südwestlicher Richtung war am Horizont tatsächlich die schemenhafte Silhouette einer Insel erkennen. Diese mußte die Insel mit meinem Strandhaus sein, andernfalls hatte ich mich verirrt. Ich machte mich voller Hoffnung auf ein gutes Ende meiner Überfahrt auf den Weg. Etwas mulmig war mir schon dabei, doch mehr verirren als jetzt schon hätte ich mich kaum können und somit nutzte ich meine Chance.

Während ich über das Meer paddelte, immer mein Ziel fest im Auge, zeichnete sich zwischen meiner Position und der Insel, auf welche ich zusteuerte, etwas ungewöhliches über der Wasseroberfläche ab. Ein Schiff konnte es auf den ersten Blick nicht sein, hier passten die Umrisse nicht. Es sah eher so aus, als ob über dem Meer einige größere zylinderförmige Objekte schwebten. Je näher ich kam, desto genauer war zu erkennen, das die Objekte nicht wirklich über dem Wasser schwebten, sondern auf dünnen Stelzen zu stehen schienen. „Sehr verdächtig“, dachte ich mir, als ich meinen Weg weiter fortsetzte und so nicht nur meiner Zielinsel, sondern auch den ungewöhnlichen Strukturen immer näher kam.

Auf der Hälfte meiner Wegstrecke war ich den Objekten so nahe das ich erkennen konnte, dass es sich wohl um ein altes Seafort, einen Versorgungsstützpunkt aus dem Zweiten Weltkrieg handelte, welcher hier während des Krieges errichtet worden war. Ich näherte mich den bereits sehr verfallenen Bauwerken und machte mich durch lautes Rufen bemerkbar. Vielleicht gab es dort jemanden der mich hören konnte. Doch nichts rührte sich. Es hätte mich auch verwundert wenn auf diesen verwitterten Bergen aus Rost jemand gewesen wäre.

Ich entschied mich, auch wenn es sicherlich einiges hier zu finden gegeben hätte, vorerst mein ursprüngliches Ziel weiter zu verfolgen und zurück zu meiner Heimatinsel zu gelangen. Falls ich mich doch verirrt hatte und die Insel, die nur noch wenige Ruderstunden von mir entfernt war, nicht die meine sein sollte, so konnte ich noch immer hierher zurückkehren. Wichtig war für mich nun erst wieder zu meinem sicheren Strandhaus zu gelangen. So ließ ich das Seafort hinter mir dns setzte meinen Weg fort, natürlich nicht ohne mir die Position der Struktoren für eine spätere Expedition zu merken.

Gegen die Mittagszeit war ich meinem Ziel, der angesteuerten Insel, so nahe gekommen, dass ich mein Strandhaus erkennen konnte. Ich hatte mich mit der Ermittlung meiner Position und der Planung der Reiseroute nicht geirrt und war sicher zu meiner Insel zurückgekehrt. Die Freude in mir war riesengroß. Ich fühlte mich so, wie man sich fühlt, wenn man nach einer längeren Reise wieder zurück nach Hause kommt, einfach heimisch und glücklich.

Unmittelbar nach dem Anlanden zog ich die Rettungsinsel auf den höhergelegenen Strand und lief dann gleich in mein Strandhaus. Alles war noch so wie ich es verlassen hatte. Als erstes entzündete ich meinen Grill und bereitete mir nach den Entbehrungen des letzten Tages ein fürstliches Mahl aus Fisch, Krabben und Kartoffeln, welches ich am Strand in der Sonne sitzend genoss. Es war schön wieder zuhause zu sein.

Bis zum Abend ruhte ich mich dann erst einmal richtig aus. Irgendwie war es schon komisch gewesen. Wäre ich im Nebel nicht vom Kurs abgekommen und auf der falschen Insel gelandet, hätte ich nicht das Seafort gefunden, welches nicht all zu weit von meiner Insel entfernt lag. Womöglich gab es dort ja etwas, was mich aus meiner Situation retten hätte können. Somit stand fest, dass mich eine meiner nächsten Expeditionen sicherlich wieder dort hin zurückführen würde. Für den kommenden Tag stand jedoch fest, dass ich einen erneuten Versuch unternehmen würde, um herauszufinden, ob in der Hütte, welche ich auf der benachbarten Insel gefunden hatte, doch ein anderer Gestrandeter lebte. Mit der untergehenden Sonne begab auch ich mich zur Ruhe und legte mich in meinem Bett schlafen.

Am Morgen des 25. Tag nach meinem Absturz beschloss ich erneut den Versuch der Überfahrt zur Insel mit der gefundenen Hütte zu unternehmen. Diesmal aber richtig ausgerüstet, damit ich mich nicht wieder bei schlechter Sicht auf dem Meer verirren würde. Beim letzten Mal hatte ich Glück gehabt, doch dies wollte ich nicht unbedingt bei jedem Ausflug herausfordern. Ich packte also neben dem Paddel und der Axt dieses Mal auch den wichtigen Kompass, ein Fernglas und etwas Verpflegung ein, bevor ich mich auf den Weg machte.

Die Überfahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle. Das Wetter blieb diesmal freundlich und sonnig und auch die Haie schienen heute kein großes Interesse an mir zu zeigen. Als ich auf Sichtweite an die Insel herangerudert war riskierte ich vorab einen Blick durch das Fernglas. Ich wollte aus sicherer Entfernung sehen, ob sich auf der Insel etwas verändert hatte, oder ich vielleicht sogar jemanden sehen würde. Doch das kleine Eiland lag unverändert wie eine Perle im Meer. Nichts auffälliges schien sich zu rühren. Lediglich die Palmblätter bewegten sich in den Wohen des Windes.

Als ich die Insel betrat nahm ich gleich die Axt in die Hand. Noch war nicht klar gewesen wen ich hier vorfinden würde, wenn überhaupt jemanden in den letzten Tagen hier gewesen war und meine Nachricht in der Hütte gelesen hatte. Langsam und immer auf ungewöhnliche Geräusche achtend schlich ich mich über den Strand in Richtung Unterholz. Die kleine Hütte schien noch so unverändert zu sein wie ich sie vor Tagen vorgefunden hatte. Von einem anderen Menschen war weit und breit nichts zu sehen. Lediglich der ausgestopfte Volleyball, der schon bei meinem letzten Besuch die Hütte bewachte, starrte mich mit seinem aufgemahlten Gesicht durch die offene Tür an. Die Nachricht, welche ich an die Wand geschrieben hatte, war ebenfalls unbeantwortet geblieben. Somit war klar das die Unterkunft schon vor längerem verlassen wurde. Diese Erkenntnis war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte so gehofft nicht mehr allein hier gestrandet sein zu müssen.

Deprimiert durchsuchte ich die Hütte nach Hinweisen die mir vielleicht Informationen über den Verbleib des früheren Bewohner geben würden. Doch außer dem umfunktionierten Volleyball und etwas Strandgut war nichts interessantes zu finden. Ich packte alles ein, auch den Volleyball und machte mich auf den Heimweg. „Die Überfahrt hätte ich mir auch sparen können“, dachte ich mir, während ich zurück über das Meer in Richtung meiner Insel paddelte.

Advertisements

Tag 22 – 23 auf der Insel

In der vergangenen Nacht hatte ich sehr schlecht geschlafen. Immer wieder ging mir im Kopf herum, dass ich womöglich bald nicht mehr alleine hier auf der Insel verweilen müsste. Ein Gesprächspartner wäre schon etwas tolles gewesen, oder vielleicht sogar eine Gesprächspartnerin? So etwas um die Mitte zwanzig, sportliche Figur, blones langes Haar, mit einem stattlichen Vorbau bitte. Mit so einer Frau hätte ich es hier schon noch eine Weile aushalten können, ganz wie bei Adam und Eva. Ja man wird wohl noch träumen dürfen. Bei meinem Glück würde sich vermutlich aber die erhoffte Eva als ein viel zu warmherziger Adam entpuppen. Dann müsste ich zukünftig immer mit dem Rücken zur Wand und mit geschlossenem Mund schlafen. Sei es drum, fast alles war besser als alleine hier zu sitzen.

In der Hoffnung, dass es sich bei dem anderen Gestrandeten wenigstens um einen Menschen handeln würde, mit dem ich gut auskommen konnte, stieg ich gegen 6:00 Uhr am 22. Tag nach meinem Absturz aus meinem Bett. Der Himmel war etwas trüb, was jedoch meine Vorfreude auf das hoffentlich morgige Treffen mit meinem Schicksaalsgenossen nicht minderte. Um einen guten ersten Eindruck zu machen, beschloß ich den Morgen damit zu verbringen mein Strandhaus aufzuräumen und fegte mit einem Palmwedel den Sand von den Fundamenten. Schließlich würde ich ihn zu mir auf die Insel einladen, denn im Vergleich zu seiner schäbigen Hütte war mein Strandhaus ein Palast.

Nach getaner Arbeit gönnte ich mir zur Stärkung etwas erfrischende Kokosmilch und blickte sehnsüchtig von meiner Unterkunft aus aufs offene Meer hinaus. Die Haie schienen sich langsam an meine Anwesenheit gewöhnt zu haben, denn sie schwammen nun immer öfter bis direkt zu meiner Strandhütte heran. Vielleicht hatte der Tiegerhai, welcher mich vor einigen Tagen angegriffen hatte, Werbung bei seinen Kollegen für meinen guten Geschmack gemacht. Jedenfalls schien sie etwas hier in meiner Nähe zu halten.

Mir war nicht ganz klar woher die Entschlossenheit in mir gekommen war, jedoch erwuchs in mir das immer stärker werdende Verlangen, einen dieser Haie auf meine Speisekarte zu setzen. Schließlich war da ja auch noch eine Rechnung offen und falls es sich bei dem anderen Gestrandeten wirklich um eine Frau handeln sollte, dann wäre der Titel als Haikiller doch etwas mit dem man sich schmücken hätte können.

Der Speer, welchen ich bislang zum Fischen genutzt hatte, war für die Jagt nach Haien eher ungeeignet. Für einen Fisch dieser Größe mußten härtere Geschütze aufgefahren werden. Ich schnappte mir also eine meiner Äxte und beobachtete einen Hai, der immer wieder sehr nahe an meinem Strandhaus vorbeischwamm. Nun zahlte es sich aus das ich so nahe am Wasser gebaut hatte. Ohne selbst in Gefahr zu geraten von diesem Räuber angegriffen werden zu können, konnte ich auf eine passende Gelegenheit warten um ihm auf den Pelz zu rücken. Wieder und wieder näherte sich der Hai, doch bevor ich zum Sprung ansetzen hätte können, drehte er wieder ab. Als ob er es spühren konnte das ich nur auf meine Chance wartete.

Dann aber ergab sich die Möglichkeit auf die ich gewartet hatte. Als der Hai nahe genug am Fundament meiner Hütte vorbeischwamm, nahm ich all meinen Mut zusammen, holte mit der Axt weit aus und sprang dem Hai direkt auf den Rücken. Die Klinge der Axt traf mit voller Wucht und hinterließ in der Flanke des völlig überraschten Tiers eine große offene Wunde. Das Wasser um uns herum begann sich sofort in ein verwaschenes Rot zu färben, als der angeschlagene Räuber der Meere wild mit der Schwanzflosse schlagend versuchte zu entkommen. Ich setzte mit meiner Axt nach, wieder und wieder schlug ich die scharfe Klinge in seinen sich windenden Körper.Nun wurde der Jäger zum Gejagten. „Das hatte sich der Hai sicherlich nicht so gedacht als er heute Morgen aufgestanden ist“, dachte ich mir hämisch als ich erneut zum Hieb ausholte. Mit letzter Kraft versuchte er nochmals einen Fluchtversuch zu unternehmen, doch ich setzte ihm nach und gab ihm den Rest. Sein Körper sank regungslos zu Boden und blieb in etwa 3 Meter Tiefe leblos liegen. Ich hatte es geschafft, ich hatte für den Angriff auf mich, der vor einigen Tagen stattgefunden hatte, Rache genommen und gleichzeitig ein schmackhaftes Abendessen gewonnen. Vielleicht mußte man nur seine inneren Ängste überwinden und dann konnte man alles erreichen? Jedenfalls sorgte das Adrenalin in meinem Körper dafür, dass ich mich in diesem Augenblick wie ein Gott fühlte.

Als ich meine Beute aus dem Wasser an den Strand zog bemerkte ich erst das mich der Hai wohl auch einige Male leicht erwischt haben mußte. Im Eifer des Gefechts hatte ich dies nicht gespührt, doch jetzt, als ich die oberflächlichen Kratzer sah, begann auch ein leichter Schmerz einzusetzen. Dies war jedoch nicht so schlimm, angesichts des Sieges, welchen ich gerade errungen hatte. Mit einem Stofffetzen und etwas Klebeband bastelte ich mir einen annehmbaren Verband und alles war gut.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit den Hai zu zerlegen und sein Fleich über meinem Grill zu braten. Ich hatte zuvor noch nie Haifisch gegessen, doch als ich im Schein der untergehenden Sonne am Strand saß und mir einen Teil meines Fanges schmecken ließ, verstand ich, warum die Japaner so auf Haifischflossen abfahren. Das Fleisch war köstlich und zerging fast auf der Zunge. Satt und zufrieden legte ich mich nach diesem aufregenden Tag schlafen und freute mich schon auf den kommenden Morgen.

Am 23. Tag nach meinem Absturz war ich schon früh auf den Beinen. Vor lauter erwartungsvoller Erregung über die hoffentlich positiven Ereignisse des Tages, konnte ich die Nacht wieder kaum richtig schlafen. Heute sollte sich herausstellen, ob ich die noch folgenden Tage weiter alleine, oder zukünftig in Begleitung verbringen werden würde.

Als die Sonne am Horizont aufging, stand ich bereits startbereit am Strand um aufzubrechen. Ich schnappte mir mein Paddel und eine Axt und machte mich mit dem Rettungsboot auf in Richtung der Insel, auf der ich vor zwei Tagen die Hütte gefunden und eine Nachricht hinterlassen hatte. Das Motorfloß wollte ich diesmal nicht nehmen. Zum einen war der Treibstoff kostbar und zum anderen wollte ich mich nicht frühzeitig durch den Motorenlärm ankündigen. Schließlich wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wer der andere war und insbesondere ob er mir auch freundlich gesonnen war. „Vorsicht ist noch immer die Mutter der Porzelankiste“, dachte ich mir in diesem Fall.

Da der Weg bis zur Nachbarinsel mit dem Rettungsboot und meiner Muskelkraft bei weitem länger als mit dem Motorboot dauern würde, rechnete ich damit gegen Mittag an meinem Ziel anzukommen. Ohne Umwege steuerte ich die Insel an. Gegen 10:00 Uhr passierte dann das, was ich die Tage zuvor bei meinen Reisen zu den benachbarten Inseln immer gefürchtet hatte. Schlagartig zog sich der Himmel zusammen und wie aus dem Nichts begann mich dichter Nebel zu umschließen. Mein Ziel, welches ich gerade noch klar vor meinen Augen sehen konnte, begann vor mir im Dunst der Nebenwand zu verschwinden. Nun rächte sich meine Ungedult und mein übereiltes Aufbrechen. Ich hatte meinen Kompass auf meiner Insel vergessen und war nun orientierungsloss in mitten des Meeres.

„Toll“, dachte ich mir. Gerade jetzt hatte mich das Glück verlassen. Was sollte ich nun tun? Auf gut Glück weiterrudern und dabei die Insel vielleicht verfehlen, oder abwarten bis sich der Nebel legen würde? Und wenn sich der Nebel verzogen hätte, in welcher Richtung lag dann die Insel? Ohne Kompass konnte ich nur schwer den richtigen Kurs bestimmen. Die Situation war verzwickt. So entschied ich mich vorerst die Füße und das Paddel still zu halten und auf klarere Sicht zu hoffen.

Die Zeit verstrich, doch der Nebel blieb. Langsam wurde es auch immer kälter und ich begann zu frieren. Irgendwie war die Situation gespenstisch, ganz wie im Film „Der Nebel des Grauens“. Nun hätte es nur noch gefehlt das ein Geisterschiff vor mir auftauchen und seelenlose Matrosen mit Enterhaken vor mir stehen würden. Beängstigend so eine Situation.

Ich fragte mich, wie lange so ein Nebel im pazifischen Ozean andauern konnte. Einige Stunden würde ich hier sicherlich ausharren können, doch mit Gewissheit nicht mehrere Tage. Schließlich hatte ich auch nicht an Essen und Trinken gedacht und auf dies war ich angewiesen. Gegen 15:00 Uhr entschloss ich mich dann dazu das Risiko einzugehen und wieder Fahrt aufzunehmen. Ich schätzte die Richtung in die ich paddeln mußte, doch wirklich sicher war ich mir nicht. In der Zeit, die ich wartend verbracht hatte, hätte ich mich im Rettungsboot schon mehrfach gedreht haben können und so hoffte ich auf mein Glück im Unglück.

Um 17:31 Uhr begann sich endlich der Nebel unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages langsam aufzulösen. Die Sicht wurde immer besser, jedoch durfte ich feststellen, dass ich abseits von allen Inseln in meiner nähe war. Offenbar hatte ich mich nicht für die richtige Richtung entschieden und somit war ich eineinhalb Ruderstunden von meinem eigentlichen Kurs entfernt. Diese Erkenntnis war schlimm, da ich nun weder wußte wo sich mein Ziel, noch meine Heimatinsel befand. Ich entschloß mich vorerst eine der zahlreichen Inseln in meiner Sichtweite anzusteuern um wenigstens die Nacht über festen Boden unter den Füßen zu haben. Vielleicht hatte ich ja wenigstens diesmal Glück und es war eine der Inseln die ich schon einmal besucht und mit einem Pfeil aus Holzstöcken in Richtung meiner Heimatinsel markiert hatte.

Als ich die Insel mitten in der Nacht erreicht hatte, stellte ich schnell fest, dass ich hier noch nie war. Nichts kam mir bekannt vor und im Schein des Mondlichts konnte ich auch nirgends eine Markierung von mir finden. Niedergeschlagen besorgte ich mir ein paar Kokosnüsse um wenigstens meinen Hunger und Durst zu stillen und legte mich erschöpft neben mein Rettungsboot in den Sand. Nicht mal ein Feuer zum wärmen konnte ich mir machen, da ich auch kein Feuerzeug mitgenommen hatte. Die Müdigkeit erfasste mich und ich schlief ein.

Tag 20 – 21 auf der Insel

Pünktlich zum Sonnenaufgang wachte ich gegen 06:00 Uhr morgens, am 20. Tag nach meinem Absturz, in meinem Strandhaus auf. Es schien ein sonniger Tag zu werden und ich beschloß heute einmal alle Viere von mir zu strecken und richtig auszuspannen. Aufregung hatte ich ja in den vergangenen Tagen genug gehabt und dies sollte mein erster freier Tag im Inselparadies werden.

Nach einem ausgiebigen Frühstück stöberte ich etwas in meinen Fundstücken. Mit all den vielen Maschinen- und Motorteilen, die ich in den letzten Wochen zusammengetragen hatte, mußte sich doch etwas sinnvolles anstellen lassen. Ich trug die einzelnen Teile auf den Strand neben meiner Unterkunft, setzte mich in den warmen Sand und überlegte, wärend ich jeden Gegenstand vom Schmutz der Zeit befreite, was ich hieraus wohl bauen könnte. „Wenn nun mein kleiner Bruder nur hier wäre“, wünschte ich mir. Als Schrauber in einer Werkstadt wüßte er bestimmt hundert Dinge die man hieraus basteln hätte können. Früher hatte er mir immer bei meinem Auto geholfen, wenn dieses mal wieder nicht funktionieren wollte. Nun aber war ich auf meinen eigenen Erfindungsreichtum angewiesen.

Am schlüssigsten erschien es mir vorerst einen kleinen Außenbordmotor aus den frisch geputzten Teilen zu bauen. Dies sollte ich noch schaffen und wenn es mir nicht gelang, so würde ich mir meinen Versuch als modernes Kunstwerk in die Ecke stellen. Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten schaffte ich es dann doch den Vergaser am Motor anzubringen und beides mit dem Benzintank zu verbinden. Am unteren Ende des Motors montierte ich einen kleinen Probeller und zum Lenken steckte ich einen schlichten Holzstock in eine Halterungsschiene des Motors, welche sicherlich hierfür nicht vorgesehen war. Alles fixierte ich dann noch mit dem gefundenen Klebeband, so dass keines der Teile versehentlich auf hoher See abfallen konnte.

Als ich versuchte meinen neuen Außenbordmotor an der Rettungsinsel zu befestigen, durfte ich schnell feststellen, dass diese hierfür mehr als ungeeignet war. Fast hätte ich mit den scharfen Kanten des Probellers ein Loch in die Außenhülle gerissen und so beschloß ich lieber ein Floß aus Holz hierfür zu nehmen. Da ein Floß nichts weiter als ein Fundament war, welches statt auf Land stehend, einfach im Wasser schwamm, war die Herstellung für mich kein Problem. In letzter Zeit hatte ich ja zahlreiche Fundamente herstellen dürfen. Gesagt, getan, das Floß schwamm im Wasser und der Außenbordmotor war schnell montiert.

Mit lautem rumpeln heulte der Motor das erste Mal auf. „Geile Sache!“ Wie ein kleiner Speedbootfahrer rauschte ich ab. Anfangs verlor ich noch ein paar mal das Gleichgewicht und flog in hohem Bogen vom Floß und landete kopfüber im Wasser. Das mit dem Gleichgewicht würde ich aber sicherlich noch lernen und schließlich mußte ich ja nicht immer Vollgas geben. Ich drehte einige Runden um meine Insel und genoss den Rausch des Fortschritts der mich erreicht hatte. Am Ende siegte aber dann die Vernunft über den Spieltrieb. Schließlich fuhr das motorisierte Floß nicht mit Luft und Liebe, sondern fraß wie wild den wenigen Treibstoff, den ich aus den Schiffswracks bergen konnte. So toll es auch war über die Wellen zu reiten, das Floß wurde vorerst für wichtige Einsätze am Strand geparkt.

Bis zur Abendstunde entspannte ich mich noch etwas am Strand, genoss etwas Kokosmilch und bewunderte die Schönheit der Natur. Eigentlich wäre es hier ganz schön gewesen, der perfekte Urlaubsort. Aber eben nur wenn im Hintergrund ein Luxushotel stünde und man nicht mutterseelen allein gestrandet war.

Nachdem der gestrige Tag der Entspannung gedient hatte, Tag 21 sollte wieder mit neuen Entdeckungen aufwarten. Gleich am Morgen des Tages beschloß ich eine weitere Insel in der Nachbarschaft aufzusuchen, denn hiervon gab es noch eine ganze Menge. Weil die gestrige Fahrt mit dem Motorfloß einfach viel zu geil gewesen war, entschied ich mich dazu nur die Hälfte meines Treibstoffvorrats zur Seite zu legen und den Rest in ein paar Spritztouren zu investieren.

Am Strand legte ich aus Stöcken wieder einen Pfeil in Richtung meines anvisierten Ziels und daneben drei Steine, die dieses als Insel Nr. 3 markierten. Mit einem der gefundenen Benzinkanister füllte ich noch den Tank des Motors auf, schnappte mir meine Axt und den Kompass und begab mich auf die Überfahrt.

Die motorisierte Reise war nicht mit dem anstrengenden Rudern in der Rettungsinsel zu vergleichen. Die Fahrt verging wie im Fluge. Ehe ich mich versah war ich schon auf Insel Nr. 3 angekommen und konnte mich auf Erkundungstour begeben. Natürlich legte ich vor meinem Aufbruch am Strand noch schnell einen Pfeil aus Holzstöcken in Richtung Heimatinsel und daneben drei Steine um die Insel zu markieren.

Als ich über die Insel streifte um nach brauchbarem zu suchte entdeckte ich plötzlich Fußspuren im Sand. Sollte es hier noch einen Gestrandeten geben? Vielleicht jemand mit dem ich mich zusammentun hätte können? Aber vielleicht war er mir auch nicht freundlich gesonnen? Viele Fragen die einer Antwort bedurften. Die Spuren im Sand führten in Richtung des Unterholzes in die Mitte der Insel. Ich folgte diesen mit der Axt in der Hand und drang langsam weiter vor.

Im Unterholz stand eine kleine Hütte, gut versteckt hinter Zweigen. Langsam schlich ich mich näher heran. Die Tür stand offen, doch scheinbar war niemand zuhause. Ich blickte mich weiter in der Umgebung um. Vielleicht war der Bewohner irgendwo auf der Insel unterwegs, oder noch viel schlimmer. Womöglich hatte er das laute Motorengeräusch meines Floßes gehört und versuchte nun mit diesem die Insel zu verlassen. Ich stürmte aus dem Unterholz in Richtung meines Motorfloßes. Es stand noch da, unberührt wie ich es verlassen hatte.

Bei der weiteren Erforschung der Insel, diese war zum Glück nicht sehr groß, fand ich keine weiteren Anzeichen eines Gestrandeten. Vielleicht hatte man ihn gerettet, oder er wurde von einem Hai gefressen? Womöglich war er aber auch nur gerade auf Erkundungstour. Beim Durchsuchen der Hütte fand ich, bis auf einen Gegenstand, nichts wirklich interessantes. Doch dieser eine Gegenstand erinnerte mich an irgendeinen schlechten Film den ich irgendwann einmal gesehen hatte. Mir wollte nur beim besten Willen der Name nicht einfallen. Es war ein kaputter Volleyball, ausgestopft mit Pflanzenfasern und einem aufgemahlten Gesicht. „Sehr eigen“, dachte ich mir.

Mit einem Stück verbrantem Holz aus der Feuerstelle vor der Hütte hinterließ ich eine Nachricht für den Bewohner auf der Wand.

„Hallo gestrandeter Kollege, falls Du noch immer auf der Insel bist und Gesellschaft suchst, dann werde ich Dich in 2 Tagen nochmal besuchen kommen. Hinterlasse doch auch eine Nachricht falls wir uns wieder verpassen sollten.“

Ohne etwas mitzunehmen machte ich mich wieder auf den Rückweg zu meiner Insel. „Wäre schon eine tolle Sachen wenn ich nicht der einzige Gestrandete hier wäre“, dachte ich mir, während ich mit knatterten Motorengeräusch über die Wellen sauste.

Tag 18 – 19 auf der Insel

Er 18. Tag nach meinem Absturz sollte ein sehr aufschlußreicher für mich werde. Gleich nach dem Aufwachen machte ich mich daran den Tags zuvor entdeckten Schiffsfriedhof genau unter die Lupe zu nehmen. Offenbar handelte es sich nicht um Kriegs-, sondern um kleinere Versorgungsschiffe, wie sie in der Zeit des Zweiten Weltkrieg verwendet wurden.

Sich Zugang zu den Wracks zu verschaffen war anfänglich nicht ganz einfach. Wenn nicht gerade ein großes Loch im Rumpf klaffte, blieb nur der Weg über das Deck. Doch dieses lag meist zu hoch um es ohne Hilfsmittel erreichen zu können. Das sollte mich jedoch nicht aufhalten. Schnell hatte ich mit meiner Axt eine Kokospalme gefällt und diese kurzer Hand zur Leiter umfunktioniert. Hiermit war der Zugang zu den Decks und dem Inneren der Schiffe frei.

Zu finden gab es wieder eine ganze Menge an tollen Sachen. Von unterschiedlichen Maschinenteilen über Dosennahrung und Notfackeln, bis hin zu Werkzeug und Vitamintabletten, einen wahrer Schatz an Fundstücken konnte ich aus den Überresten der Schiffe heraustragen. Ich befand mich auf der wohl schönsten Müllhalde der Welt.

Durch einige schon stark verrottete Logbücker, welche ich im Inneren eines Wracks gefunden hatte, konnte ich herausfinden, dass es sich bei den hier liegenden Überresten wohl um Transportschiffe der Königlichen Japaischen Kriegsflotte handelte, welche hier im Zweiten Weltkrieg durchgefahren sein mußte. Offenbar war eines der Schiffe, während eines starken Unwetters, auf eine Wassermine aufgefahren. Beim Rettungsversuch der Manschaft liefen die anderen Schiffe dann auf das der Insel vorgelagerte Riff und kenterten. Die Sturmflut drückte schlußendlich alle Schiffe hier an der Küste zusammen. Was aus der Manschaft wurde war mir am Anfang noch unklar und ging aus den Logbüchern nicht hervor. Als ich beim durchsuchen der unter Deck liegenden Laderäume jedoch auf Überreste der Matrosen gestoßen war, konnte ich erahnen wie ihr Schicksaal geendet sein mußte. Deshalb gab es auf den Inseln auch kein Zeichen anderer Gestrandeter. Sie hatten es nie bis auf die Inseln geschafft.

Während ich die Wracks nach weiterem Brauchbaren durchstreifte spielte ich mit dem Gedanken mein Lager hierher zu verlegen. Auch wenn die Überreste rostig und zum Teil stark verfallen waren, so boten sie doch bei einem starken Unwetter vielleicht mehr Schutz als mein schickes Strandhaus. Andererseits wollte ich auch nicht auf einem Friedhof wohnen. Ich war zwar nicht abergläubisch, aber gut schlafen würde ich hier sicherlich nicht.

Als ich am Nachmittag abschließend das umliegende Meer unter Wasser in der Hoffnung absuchte, vielleicht noch weitere interessante Schätze zu finden, entdeckte ich plötzlich etwas, was ich lieber nicht gefunden hätte. An der Stelle, an der das Riffdach steil in die offene See abfiel, erblickte ich plötzlich vor mir ein unnatürlich rundes Objekt. Die Neugier verleitete mich dazu mir die Sache genauer anzusehen. Weil die Sichtweite nicht sehr hoch war, tauchte ich mit einer Lampe in der Hand etwas tiefer um das Objekt besser sehen zu können. Mit Schrecken erkannte ich nun was es war. Unmittelbar vor mir hing eine Wassermine, wie sie wohl auch das Japanische Schiff versänkt hatte, an einer Kette unter Wasser. „Jetzt nicht in Panik geraten!“, dachte ich mir. Ganz langsam bewegte ich mich von der Mine in Richtung Strand. Nicht auszudenken was passieren hätte können, wenn ich an einen der Zündstäbe gekommen wäre. Von mir wäre sicherlich nichts mehr übrig geblieben.

Am Strand angekommen atmete ich erst einmal tief durch. Ich hatte mir vor Angst fast in die Hosen gemacht. Nun war klar das ich unter keinen Umständen länger hier bleiben würde als unbedingt nötig. Ich begann alles was ich gefunden hatte auf die andere Seite der Insel zu schaffen, möglichst weit weg von diesem Höllending. Bis zur einsetzenden Dämmerung hatte ich alles in Sicherheit gebracht. Nun mußte ich nur noch die Nacht überstehen.

Tag 19 verbrachte ich mit dem Abtransport der erbeuteten Gegenstände. In schier zahllosen Fahrten zwischen den beiden Inseln transportierte ich alles was ich gefunden hatte zu meinem Strandhaus. Die gestrige Begegnung mit der Wassermine steckte mir noch immer in den Knochen. Wer wußte schon wo überall in diesen Gewässern noch solche verrotteten Höllenteile verborgen waren. Nun mußte ich mich also nicht nur vor Haien in Acht nehmen, sondern auch hiervor.

Bis zum Anbruch der Nacht war alles erledigt und in meinem Strandhaus verstaut. Völlig erschöpft fiel ich nach einem schnellen Abendessen in mein Bett. Ich hatte vor zwei Tagen sicherlich nicht daran gedacht wie aufregend meine kleine Expedition werden würde. Dumm das ich hier auf der Insel kein Internet hatte. Was ich alles meinen Freunden auf Facebook hätte posten können. Aber dies könnte ich nach meiner hoffentlich baldigen Rettung alles noch nachholen. Meine Gedanken begannen langsam ins Träumen abzuschweifen und ich schlief ein.

Tag 16 – 17 auf der Insel

Am Morgen des 16. Tages wachte ich gut ausgeruht und voller Tatendrang in meinem neuen Strandhaus auf. Ich bereitete mir etwas zu essen, wobei ich feststellen durfte, dass ich mich um neue Nahrungsvorräte kümmern mußte. Die letzten Tage, an denen ich mit dem Ausbau meiner Hütte zu einem Strandhaus verbracht hatte, hatten meine Nahrungsvorräte fast völlig aufgebraucht.

Ich schnappte mir mein Paddel, den Kompass und meinen Speer und begab mich auf die Jagt. Diesmal beschloß ich weiter auf das offene Meer hinauszufahren, um zu sehen, welche Fische ich in tieferen Gewässern finden würde. Um länger unter Wasser bleiben zu können und dabei tiefer zu tauchen als bisher, packte ich auch noch die gefundene Luftflasche zum Atemen ein. Immer mit einem  Blick über die Wasseroberfläche, auf der Suche nach Haianzeichen, entfernte ich mich weiter und weiter von meiner Insel.

Als ich das Riff der Insel hinter mir gelassen hatte und vom Grund des Meeres nichts mehr zu sehen war, sprang ich ins angenehm kühle Nass. Mit meinem Speer bewaffnet tauchte ich auf der Suche nach Beutetieren ab. Einige Zeit mußte ich suchen, doch dann fand ich in etwas größerer Tiefe, in die nur noch sehr wenig Licht vordrang, einen großen Schwarm wohl genährter Barsche. Zielgenau traf mein Speer die ahnungslosen Tiere, eines nach dem anderen. Als dann noch ein kleinerer Schwarm Kabeljau Bekanntschaft mit mir und meinem Speer machen durften, waren meine Taschen innerhalb weniger Minuten bis zum Platzen gefüllt. Mit reicher Beute tauchte ich wieder an die Wasseroberfläche und begab mich auf den Rückweg zu meinem Lager.

Auf meiner Insel sicher angekommen überlegte ich mir, wie ich die vielen Fische zubereiten sollte. Auf dem Feuerspieß würde das Braten jedes einzelnen Tieres eine Ewigkeit dauern und so viel Zeit wollte ich nicht wartend neben dem Feuer verbringen. Auch wäre der Verbrauch an Brennmaterial sehr hoch gewesen und somit überlegte ich mir eine andere Möglichkeit.

Ich erinnerte mich, dass mein Vater früher beim Zelten am Meer zum braten der Fische und Steaks immer einen provisorischen Grill aus Holz errichtet hatte. Hierzu baute er zwei kleine Fundamente mit etwas Abstand dazwischen nebeneinander, platzierte dann zwischen beiden eine Feuerstelle und legte hierüber, aufliegend auf den beiden Fundamenten, in Salzwasser getränktes Holz als Bratrost. Durch das Salz des Meerwassers und die Feuchtigkeit des Holzes verbrannte dieses nicht mehr wenn unter ihm die heiße Flamme des Feuers loderte. Nach dem Plan in meiner Erinnerung baute ich den Grill meines Vaters nach und schon nach kurzer Zeit konnte ich alle gefangenen Fische auf einmal zubereiten. Für einen Gestrandeten war dies ein evolutionärer Sprung dachte ich mir, wärend ich zusätzlich einen Eimer mit Meerwasser zum Abkochen auf den Grill stellte.

Gegen Nachmittag, als alles zubereitet und im meinem Strandhaus verstaut war, gönnte ich mir ein kleines Festmahl aus Kabeljau in Kokosnusssauce und hierzu gebratene Kartoffeln. Langsam ließ sich das Leben hier doch sehr angenehm gestalten, was meinen Wunsch nach Rettung jedoch nicht minderte.

Bis zum Abend bastelte ich noch etwas an meinem neuen Grill herum. Ich integrierte diesen in mein Strandhaus, so dass ich auch auch bei schlechtem Wetter und Regen etwas zubereiten konnte ohne dabei nass zu werden. Mit den letzten Sonnenstrahlen legte ich mich auch zur Ruhe.


Den 17. Tag nach meinem Absturz wollte ich wieder zum Erkunden der Nachbarschaft nutzen. Vorräte waren nach der gestrigen Jagt ausreichend vorhanden und so konnte ich mich der Befriedigung meines Forscherdrangs widmen. Schließlich lag der Schlüssel meiner Rettung beim Sammeln so vieler Informationen über meinen Standort wie möglich und nicht beim Abwarten, Hoffen und Beten.

Ich richtete mir für die heutige Erkundungstour mein Paddel, den Kompass und eine Axt zurecht und schaffte alles zur Rettungsinsel. Dann aß und trank ich noch etwas um gestärkt starten zu können und legte los. Das Ziel sollte die von mir als Insel Nr. 2 markierte werden.

Mitten auf dem Meer entdeckte ich plötzlich am Horizont ein Zeichen von Zivilisation. Auf der Wasseroberfläche sprang im Tackt der Wellen etwas auf und ab. Dies mußte natürlich näher erkundet werden und so verließ ich meine aktuelle Route und ruderte in Richtung des Objektes, ohne dabei jedoch mein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren. Als ich immer näher kam, entpuppte sich jedoch das hoffnungsvolle Zeichen auf Hilfe lediglich als Markierungsboje, welche hier ausgesetzt wurde. Für die zukünftige Orientierung mag dieser Fund sicherlich nützlich sein, jedoch würde es mich aus meiner derzeitigen Situation nicht befreien. Ich kehrte also wieder zurück auf meinen alten Kurs und folgte meinem ursprünglichen Plan weiter.

Der kleine Umweg zur Markierungsboje hatte einiges an Zeit gekostet und so erreichte ich die Insel Nr. 2 erst gegen die Abendstunde. Dort angekommen sammelte ich gleich einige Holzstöcke und zwei Steine am Strand ein und platzierte diese als Pfeil in Richtung meiner Heimatinsel. Zwar hatte ich ja nun einen Kompass, jedoch wollte ich mich für alle Eventualitäten lieber doppelt absichern.

Beim anschließenden Sammeln einiger Kokosnüsse und gleichzeitigen Erkunden machte ich auf der Rückseite der Insel eine weitere interessante Entdeckung. Hier schien ein Schiffsfriedhof zu sein, denn am Strand und dem angrenzenden Riff lagen eine Vielzahl von verfallenen Wracks. Offenbar mußte hier etwas sehr schlimmes geschehen sein. Vielleicht gerieten diese Schiffe in einen Sturm, welcher sie gegen das Riff drückte und deshalb kentern ließ. Eines der Schiffe wurde weit auf den Strand geschoben, was sonst kaum erklärbar gewesen wäre.

Da jedoch die Dämmerung bereits einsetzte und ich nicht im Dunklen zwischen den alten und rostigen Wracks umherklettern wollte, entschied ich mich vorerst zurück zu meiner Rettungsinsel zu gehen und dort die Nacht zu verbringen. Ich knackte noch ein paar der eingesammelten Kokosnüsse und legte mich dann schlafen. Die Wracks würden mir ja nicht davonlaufen.

Tag 14 – 15 auf der Insel

Ich war nun seit zwei Wochen im Pazifik gestrandet und bislang keiner Menschenseele begegnet. Dashalb begann ich mich langsam aber sicher häulich auf meiner Insel einzurichten. Die Hütte, welche ich am fünften Tag als Unterschlupf errichtet hatte, mußte meiner Meinung nach etwas wohnlicher ausgebaut werden. Hierfür hatte ich in den letzten Tagen von einer Nachbarinsel ausreichend Material zusammengesammelt und mir auch schon Gedanken darüber gemacht, wie der Grundriss aussehen sollte.

Direkt nach dem Aufstehen und einer kleinen Mahlzeit zum stärken machte ich mich ans Werk. Es mußten wieder einige neue Fundamente aus Holz zusammengebaut, Stützen aufgestellt und Wände und Dächer geflochten werden. Die Arbeit ging mir bei weitem leichter als beim ersten Mal vor einigen Tagen von der Hand. Übung machte auch hier offensichtlich den Meister.

Den Tag über verbrachte ich vertieft in meiner kreativen Arbeit. Am Ende sollte mein Strandhaus mehrere geräumige Zimmer und Lagerräume bekommen, einen Balkon der ans Meer grenzt und auch einen kleinen Gartenbereich mit Liegen sollte nicht fehlen. Das mir selbst auferlegte Projekt war für eine Person sicherlich nicht leicht zu bewältigen, aber wenn ich hier etwas hatte dann Zeit und diese verstrich wie im Fluge.

Als der Tag sich langsam dem Ende zuneigte und das Licht nicht mehr ausreichte um vernünftig arbeiten zu können, legte ich den Hammer nieder. Mir war früher nie aufgefallen wie befriedigend körperliche Arbeit sein konnte. Zwar schmerzten mir die Knochen, aber es war ein gutes Gefühl. Wenn ich in dieser Geschwindigkeit weiterarbeiten würde, dann sollte die Arbeit bereits morgen abgeschlossen werden können. Ein ganzes Haus in zweit Tagen zu bauen, das sollte mir mal einer nachmachen.

Am fünfzenten Tag legte ich mit den ersten Sonnenstrahlen wieder mit der Arbeit los. Ohne größere Pausen schuftete ich wie ein Tier bis in die Mittagszeit hinein. Hätte das warnende Pipsen meiner Armbanduhr mir nicht mitgeteilt das ich etwas essen und trinken sollte, ich wäre wohl glatt an Hunger und Durst gestorben. So legte ich aber noch rechtzeitig eine üppige Essenspause ein, bevor ich mich wieder an den Abschluss meiner Arbeit machte.

Noch bevor die Sonne wieder im Meer versank schloß ich die letzten Arbeitsschritte an meinem Strandhaus ab. Aus den beiden Schiffswracks, die am Strand meiner Insel lagen, schleppte ich noch die darin liegenden Hartschalenkoffer und Metalschränke, welche ich am ersten Tag meines Eintreffens durchsucht hatte, zu meinem Strandhaus und stellte diese darin auf. Aus etwas Entfernung begutachtete ich nun meine Arbeit im Licht der untergehenden Abendsonne und ich war begeistert. Noch nie hatte ich so hart und mit so viel Überzeugung an einer Sache gearbeitet.

Mit dem letzten Licht des Tages verstaute ich mein Hab und Gut in meiner neuen Unterkunft, bevor ich mich erschöpft ans Lagerfeuer setzte. Während ich neben dem Abendessen noch an den Liegen für meinen kleinen Privatstrand hinter dem Haus arbeitete, überkam mich ein Gefühl der absoluten Zufriedenheit. Komisch, dass ich erst mit einem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Insel mitten im Pazifischen Ozean stranden mußte um so ein Gefühl der Glücksseeligkeit zu erfahren.

Tag 12 – 13 auf der Insel

Die Hoffnung auf baldige Rettung hatte ich nun, am Morgen des zwölften Tages aufgegeben. Bislang gab es noch keine Anzeichen dafür, dass hier in der Nähe irgendwo auf einer Nachbarinsel Menschen leben würden, welche mich vielleicht finden und retten würden. Somit mußte ich mich damit abfinden wohl noch länger als Gestrandeter meine Tage zu fristen.

Dies sollte jedoch kein Grund zum Wehklagen und Aufgeben für mich werden. Ganz im Gegenteil. Ich war ein gestandener Mann, mitten im Leben stehend. Nichts und niemand konnte mich bislang aufhalten, weder beruflich noch sonst in meinem Leben. Ich war schon immer ein Macher, immer gut drauf und steckte voller Tatendrang. Ja, die Selbstmotivation wirkte, ich glaubte an mich, an ein gutes Ende dieser Geschichte. Wäre ja nicht das erste Mal gewesen das ich vor dem Aus gestanden und sich dann doch alles zum Besten gewandelt hätte.


Hoch motiviert begann ich gleich neue Pläne zu schmieden. Ich mußte mehr über die Inseln hier erfahren, meine Position genauer bestimmen. Auch sollte ich mich darum kümmern meine Nahrungs- und Wasservorräte weiter aufzustocken und vorallem meine Unterkunft weiter ausbauen. „Ja, ein großes Strandhaus“, stellte ich mir im Geiste vor. Und den Tigerhai, welcher mich vor einigen Tagen angegriffen hatte, wollte ich erlegen. Die Vorhaben sprudelten nur so aus mir heraus.

Ich begann auch gleich mit der Umsetzung meiner Pläne. Um neues Baumaterial zu beschaffen und damit meine noch überschaubare Unterkunft zu vergrößern, mußte ich so oder so auf eine andere Insel übersetzen. So konnte ich gleich meine Expeditionen in die Nachbarschaft mit der Materialbeschaffung verbinden. Für meine Reise packte ich lediglich das Ruder und eine Axt ein, um so mehr Platz für anderes frei zu haben. Kokosnüsse wird es sicherlich auf den anderen Inseln auch geben, mit denen ich meinen Hunger und Durst dort stillen konnte. Ich suchte mir am Horizont zwei Inseln als Ziel aus, markierte die Richtungen mit Pfeilen aus Holzstangen und nummerierte diese mit Steinen. Ein Stein für Insel Nummer Eins, zwei Steine für Insel Nummer Zwei. So konnte ich mir Sicher sein auch zukünftig die Inseln auseinander halten zu können.

Während der Überfahrt zur ersten Insel fiel mir auf, dass an manchen Stellen, mitten auf hoher See, Lustblasen aus der Tiefe aufzusteigen schienen. An der Wasseroberfläche kräuselte sich dann das Wasser leicht. Erst hatte ich dem keine weitere Beachtung geschenkt. Da mir dieses Phänomen jedoch wiederholt auf der Wegstrecke begegnete, entschied ich mich dazu, dem sprichwörtlich auf den Grund zu gehen. Ich war überrascht was sich mir eröffnete, als ich unter die Wasseroberfläche abtauchte.

Auf dem Grund des Meeres zeichnete sich das Wrack eines mittelgroßen Schiffes ab. Von diesem stiegen die Luftblasen auf, welche man auf der Wasseroberfläche dann sehen konnte. „Wieder etwas gelernt“, dachte ich mir. Zukünftig würde ich auf diese Phänomene mehr achten. Das Wrack war schnell durchsucht und mit den erbeuteten Gegenständen setzte ich die Reise zur Nachbarinsel weiter fort.

Dort angekommen markierte ich, so wie bereits auf der Insel die ich am zweiten Tag nach meinem Absturz besucht hatte, die Richtung für meine Rückfahrt mit einem Pfeil aus Holzstäben. Neben den Holzpfeil legte ich einen Stein um das Eiland als Insel Nummer Eins zu malkieren. Nicht abzusehen wenn ich bei der Vielzahl der Nachbarinseln meine Insel mit all meinem Hab und Gut nicht mehr wiederfinden würde.

Dann legte ich mit meinem Ritual des Plünderns los. Ich durchforstete die ganze Insel und das ufernahe Meer nach allem brauchbaren. Steine, Holzstöcke, Yuccafasern, Kartoffeln und Kokosnüsse, alles was nicht niet und nagelfest war wurde von mir an den Strand zu meiner Rettungsinsel geschafft. Besonders interessant war natürlich was man aus den gefundenen Wracks am Strand und dem seichten Wasser erbeuten konnte. Diesmal war, neben anderen Dingen, sogar ein Kompass dabei. Nach einer kurzen Pause bei Kokosmilch und Kokosnussfleisch, um meine VItalwerte wieder aufzufrischen, nahm ich dann auch die Axt zur Hand. Eine Palme nach der anderen fiel meinem Rodungswahn zum Opfer. Langsam bekam ich Übung darin.

Ich bemerkte kaum wie die Zeit verstrich und als sich die Sonne langsam am Horizont zu verabschieden begann, glich die Insel fast einer Sandbank im Meer. Bis auf einige Sträucher und kleine Bäume mit dünnen Ästen war alles durch mich eingehamstert. Nur neben meiner Rettungsinsel lag nun ein großer Haufen an Rohstoffen und Fundgut, welcher nur noch abtransportiert werden wollte. Dies würde ich jedoch erst am nächsten Morgen in Angriff nehmen, da ich nachts nicht unbedingt auf dem offenen Meer die Orientierung verlieren wollte.

Tag dreizehn hielt eine Menge Arbeit bereit. Die am Tag zuvor vorbereiteten Materialien mußten nun auf meine Insel gebracht werden und dies erwies sich als bei weitem Zeitaufwendiger als gedacht und erhofft. Insgesamt mußte ich acht mal zwischen den beiden Inseln hin und her rudern um alles zu meinem Lager zu transportieren. Zwischendurch mußte es dann auch noch regnen, was weitere Tageszeit kostete. Glücklicherweise war ich, als der Regen einsetzte, gerade auf meiner Insel und nicht auf dem offenen Meer. Die Sicht bei starkem Regen ist nicht wirklich weit und eine Insel am Horizont ist dann nicht mehr zu erkennen. Aber auch aus dieser Situation könnte ich eine für mich zukünftig wichtige Erfahrung gewinnen: „Verlasse niemals deine Insel ohne Kompass, wenn du einen besitzt und merke dir die Richtung in die du rudern mußt um heim zu kommen!“

Doch bis zum Ende des Tages war alles geschafft. Beim Abendessen am Lagerfeuer zeichnete ich bereits den Grundriss für mein zukünftiges Strandhaus vor mir in den Sand. Nach dem Schreiben dieses Tagebucheintrags gehe ich nun auch schlafen. Der morgige Tag hält viel Arbeit bereit und hierfür möchte ich fit sein.